die kunst ein bewusstes & kreatives leben zu führen

Volkan Baydar

Ich bin überzeugt davon, dass uns Vorbilder helfen können, unsere eigenen Wünsche und Ziele zu erreichen. Deswegen habe ich die Serie “conscious creatives auf den Zahn gefühlt” ins Leben gerufen. Hier möchte ich dir immer wieder Menschen vorstellen, die ihr Leben sehr bewusst und kreativ gestalten.


Mein heutiger Gast ist der Sänger und Komponist Volkan Baydar aus Hamburg. Im Jahre 2000 veröffentlichte er mit seinem Partner Vince Bahrdt als Orange Blue ein bahnbrechendes Album: “In Love With A Dream” wurde mit Platin ausgezeichnet und markierte den Start in eine lange, erfolgreiche Karriere. Und nebenbei drückte es aus, worum es Volkan Baydar wirklich geht. Er will seinen Traum nicht nur leben, sondern ihn auch lieben. Musik ist für ihn das, was man landläufig eine Sandkastenliebe nennt.

Lieber Volkan, …
… gab es in deinem Leben je einen Moment, in welchem du gemerkt hast, dass du beruflich singen möchtest? Oder hat sich dein Leben einfach in diese Richtung entwickelt?

Ich muss sagen, diesen Moment gab es nicht bei mir, in dem ich gemerkt hab, dass ich professionell singen möchte. Professionell heisst ja eigentlich, singen um Geld zu verdienen. Gesungen habe ich schon immer. Es gibt Kassetten von mir, da bin ich 1,5 oder 2 Jahre alt. Auch habe ich schon immer Musik und Texte geschrieben. Mit 6 Jahren begann ich dann Klavier zu spielen. Und dann fing ich irgendwann an, Aufnahmen zu machen. Ich hatte aber nie im Kopf, dies beruflich zu tun. Das stand für mich gar nicht zur Auswahl. Ich dachte, man müsste erst sein Abitur machen und dann irgendetwas arbeiten, worauf man Lust hat. Ich hatte noch nicht beschlossen, Profi-Musiker zu werden. Das war mir eigentlich auch egal, denn die Musik – und das finde ich heute immer noch – egal ob man Profi oder Amateur ist – die Musik steht für sich. Und ich habe die Musik bis heute immer sehr ernst genommen.
Irgendwann habe ich mit meiner Band „Orange Blue“ mehr oder weniger aus Zufall einen Plattenvertrag bekommen. Das war der Moment, ich war damals 29 Jahre alt, in dem ich begann mit Musik Geld zu verdienen. Davor hatte ich ab und an mal einen Gala-Auftritt, aber es hat mir keinen Spass gebracht, Lieder nachzusingen. Also bin ich zum Geld verdienen Taxi gefahren.

Ich bin stolz darauf, dass ich immer meinem Gefühl gefolgt bin und mich nie an Dogmen festgehalten oder an Regeln gebunden habe. Und nun im Nachhinein weiss ich, dass ich immer auf mich gehört habe. Damals war mir das alles gar nicht bewusst.
Ich habe auch die Musicalschule mit Stipendium angefangen und sie dann nach einem Jahr abgebrochen. Obwohl mir alle den Vogel gezeigt haben, wusste ich, das ist nicht mein Weg. Danach bin ich erstmal nach New York und habe Schauspiel studiert.
Mein Leben ist also bis zu meinem 30. Lebensjahr davon gekennzeichnet, dass ich Dinge ausprobiert habe, ohne Rücksicht darauf, was mir Geld bringt oder was gut ist für die Rente. Ich habe tatsächlich nur auf meine persönliche Entwicklung geachtet.

Und irgendwann war es dann so, dass ich von der Musik leben konnte. Das fühlte sich gut an. Und das habe ich bis heute beibehalten.

… bist du mit Eltern aufgewachsen, die sehr offen und bewusst mit dem Leben umgingen?

Das ist sehr gemischt. Meine Eltern sind ja aus der Türkei eingewandert. Das barg schon ein paar Konflikte. Das führte erstens dazu, dass ich nicht so aufgewachsen bin, wie jemand, der in seinem eigenen Land aufwächst. Da meine Eltern nicht religiös waren, war die Erziehung relativ unkonventionell. Bei bestimmten Themen waren meine Eltern sehr offen und manche Themen wurden einfach überhaupt nicht angesprochen.
Meine künstlerische Seite, diese bewusste, philosophische Seite, die wurde sehr angesprochen. Speziell mein Vater hat mich da sehr beeinflusst.
Ich bin ja der Meinung, dass man eigentlich selbst verantwortlich ist für sein Leben, bis über den Tod. Es mag komisch klingen, aber ich glaube, wenn man diese Idee bis in die letzte Konsequenz verfolgt, kommt man darauf, dass man sich eigentlich seine Eltern auch ausgesucht hat. Ich bin sicher, dass ich genau die Eltern hatte, die ich wollte.

Insofern macht das im Nachhinein alles Sinn für mich. Inklusive den Fehlern, wenn man überhaupt von Fehlern sprechen kann, die meine Eltern bei mir begangen haben und dem, was sie mir auf meinen Lebensweg mitgegeben haben.

Die Frage lässt sich also nicht mit Ja oder Nein beantworten, es ist sehr gemischt. Ich habe das bekommen, was ich brauchte für mein Leben. Und ich glaube, ich bin genau da, wo ich sein möchte, mit diesen Eltern.

Welcher Aspekt deiner Erziehung hatte den nachhaltigsten Effekt auf dein Leben, von heute aus betrachtet?

Meine Eltern waren eine sehr interessante Kombination. Meine Mutter ist generell sehr zurückhaltend, wenn es darauf ankommt, sagt sie aber auch was. Eine sehr starke Frau. Auch sehr gutmütig und manchmal sehr selbstlos. Und mein Vater war im Grunde genommen nicht das Gegenteil, aber etwas aktiver. Er hat sich mit grossen Themen des Lebens beschäftigt. Er hat mit 70 Jahren sogar noch eine Heilpraktikerausbildung gemacht, weil er immer Arzt werden wollte. Ich glaube, mein Vater hat mich etwas offensichtlicher beeinflusst als meine Mutter. Aber diese Kombination, die habe ich in mir. Es gibt nicht eine Sache, die meine Eltern mir mitgegeben haben.
Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen, keine Grenzen zu sehen. Sich selbst bis in die letzte Konsequenz zu verwirklichen, ohne anderen weh zu tun. Das eigene Ding durchzuziehen. Das ist so die Kombination meiner Eltern.

Das ist spannend, grade wenn du erzählst, dass du dich eigentlich deine ersten 10 Berufsjahre eher durchgeschlagen hast, als dass du einen klaren Plan hattest. Das muss man ja mental auch erstmal schaffen. Das packt ja nicht jeder. Viele brauchen ja die Sicherheit einer Festanstellung und einer Karriere, die sie vor sich sehen.

Wobei mir dabei geholfen hat, dass ich mir nicht so bewusst war. Dass ich nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – selbstbewusst war. Sondern dass ich mich immer hab leiten lassen. Und das wurde mir von Zuhause mitgegeben, sodass ich es mit einer grossen Selbstverständlichkeit getan habe.
Es gibt ja heutzutage diese berühmten Sätze von Künstlern, dass sie viel probieren und sich Fristen setzen. „Wenn es jetzt nicht mit dem Album klappt, dann muss ich mal kucken, was ich mache.“
Für mich war das nie eine Frage. Ich habe das auch früher nicht verstanden. Das steht gar nicht zur Debatte. Ich mache sowieso Musik.

Und schlussendlich geht es doch darum, seiner Berufung zu folgen. Ich glaube, dass man dafür belohnt wird vom Leben. Ich glaube, wenn man dieser Energie folgt und sich öffnet, dann lernt man auch die entsprechenden Leute kennen, dann muss man sich keine Fristen setzen, dann muss man auch nicht drauf warten.

… wer und was inspiriert dich?

Inspirieren tun mich die kleinen Dinge im Leben. Ich merke, dass man nicht in die Welt hinaus muss, sondern sie auch in sich selbst oder in gewöhnlichen Situationen findet.
Aber genauso grosse Ereignisse, wie die Geburt meines Sohnes. Dazu ist mein Song „Ich bin geboren“ entstanden. Der Text zeigt auch, dass nicht nur mein Sohn geboren ist, sondern dass ich dadurch genauso geboren bin. Weil ich soviel gelernt habe von meinem Sohn. Unfassbar, wie Kinder einen dazu bringen, dass man ehrlich mit sich ist und nochmal genau überlegt, wie man die Welt sieht.

Was mich inspiriert sind Aussagen wie zum Beispiel die von Gandhi. Er sagte einmal, er würde nie Menschen bewerten und in Gut und Böse einteilen. Weil man nie wüsste, welchen Grund diese Menschen in dieser Situation für ihr Handeln haben. Weil man nie die ganze Geschichte kennen würde.
Das hat mich sehr inspiriert. Und das kann man ausweiten und auf jeden Menschen und jede Situation beziehen. Das einfachste und wahrhaftigste ist, in meinen Augen, bei sich zu bleiben und auch die Energie nicht zu verschwenden. Bei allem was man tut, geht es um einen selbst. Es geht nicht darum, dass man andere Leute beurteilt, belohnt oder bestraft.

… irgendwann kommt wohl jeder Mensch, der sich bewusst mit dem Leben beschäftigt, zu der Frage, was er mit seinem Tun der Welt und den Menschen Gutes tut/tun kann. Hast du dir diese Frage schon einmal gestellt?

Die Frage habe ich mir schon gestellt. Und sie stellt sich natürlich mehr und mehr auf dieser Welt. Weil man ja sieht, dass es Kriege gibt, der Natur geht es nicht mehr gut, Plastik im Meer und viele weitere Dinge. Dieser Frage kann man sich also gar nicht mehr entziehen.
Ich glaube, wenn jeder ein bisschen das tut, was er kann, dann reicht das schon. Man muss natürlich ein wenig Bewusstheit haben. Da wächst man rein. Ich ärgere mich auch, dass ich früher schon viele Sachen faktisch wusste, aber ich war noch nicht so weit, sie umzusetzen.
Ich habe erst neulich darüber nachgedacht, dass ich früher auch Regenwürmer gequält habe. Es ist wohl einfach etwas kindliches, dass man neugierig ist. Aber wenn man dann einem Kind sagt, „überleg doch mal, wie traurig das ist, dass die Tiere so leiden müssen“, dann reden sich Kinder meist raus. Das finde ich sehr interessant. Die Kinder wissen das natürlich, haben aber das Bewusstsein dafür noch nicht. Das kommt wohl erst mit der Zeit.

Rilke sagte so schön: „Leben Sie die Fragen, dann werden Sie eines Tages, ohne es zu merken, in die Antworten hineinwachsen.“
Das finde ich wichtig! Das man sich immer wieder Dinge bewusst macht, dann wächst man irgendwann in dieses Bewusstsein rein.
Ich möchte zum Beispiel auch vegan leben. Trotzdem finde ich es wichtig, mir dies immer frei zu halten und niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Ich möchte nicht von jemandem hören: „Ha, jetzt habe ich es gesehen! Du bist doch kein Veganer, jetzt hast du xy gegessen.“

Du hast zu diesem Thema einen wunderbaren Song geschrieben – für mich persönlich einer deiner besten – mit dem Titel „Bitte halt mich nochmal fest“. Da beschreibst du dieses sich selbst Sortieren so wunderbar. Diesen Wunsch, die Dinge richtig zu machen, aber auch zu sehen, dass es eben nicht immer so einfach umzusetzen ist. Und die eigene Bewertung dadurch.

Es sind die kleinen Dinge, mit denen ich versuche, etwas Gutes zu tun. Indem ich mir versuche bewusst zu machen, was ich tue. So ganz nachhaltig lebe ich auch nicht. Ich kaufe mir auch noch Dinge und überlege nicht, ob sie von Kinderhänden produziert worden sind. Da schliesse ich mich nicht aus. Aber ich merke, ich werde immer bewusster und versuche dann, die Dinge richtig zu machen.

Hast du das Bedürfnis mit deiner Musik etwas zu bewirken?

Ja, ich habe den Wunsch, etwas zu verändern. Wobei ich glaube, dass ich etwas verändere, indem ich mich selbst ausdrücke. Ich versuche nicht zu verändern, indem ich Menschen etwas vorschreibe, sondern das geschieht sehr passiv. In dem ich meine Kämpfe mit mir selbst beschreibe, habe ich, wenn sich jemand darin wiederfindet, ihn auch in irgendeiner Form verändert. Die beste Art der Veränderung, finde ich, ist sowieso bei sich anzufangen.
Auch finde ich es schwer, gegen etwas zu sein. Das hat zwar seine menschliche Berechtigung, aber ich finde es schwierig, damit die Welt zu verändern. Man muss die Menschen eher einladen, man muss zuhören, versuchen sie zu verstehen. Denn jeder hat einen Grund für seine Meinung.

… in welcher Form spielen für dich gleichgesinnte Menschen eine Rolle? Tut es dir gut, dich zu den Themen, die dich tief bewegen, auszutauschen oder beschäftigst du dich lieber im Stillen damit?

Die Frage ist auch schwer zu beantworten. Ich brauche alles ein bisschen. Viele Dinge mache ich tatsächlich mit mir aus. Ich würde mich nicht als supersozialen Menschen beschreiben. Wobei ich Menschen mag. Aber ich komme mit einigen Dingen nicht zurecht. Das gebe ich zu. Das sind meine persönlichen Baustellen, die ich noch nicht bearbeitet hab. Und ich mag und brauche
Gleichgesinnte, das ist ganz wichtig, um eine Bestätigung zu finden. Es ist wohl auch sehr menschlich, dass sich jeder irgendwo wiederfinden möchte.
Andererseits habe ich auch diesen anderen Teil in mir, der sich mischt mit Leuten, die nicht gleichgesinnt sind. Weil ich das Gefühl habe, dass alles seine zwei Seiten hat.

Ich war zum Beispiel schon immer jemand, der, wenn es um eine Fussballmannschaft ging, bei den Schwächeren mitgemacht hat. Weil ich erstens das Gefühl hatte, dass es ne Herausforderung ist und zweitens kam der Gerechtigkeitssinn durch.
Und es ist immer die Frage: Wenn der rechte Arm stärker ist als der linke, ob man mit dem stärkeren Arm trägt, weil er es sowieso kann, oder ob man mit dem linken Arm trägt, damit er stärker wird. Das kann man auf viele Dinge beziehen.
Wenn man sich in eine Gruppe einbringt, die keine gute Energie hat, hat man die Chance gute Energie reinzubringen. Das ist natürlich anstrengender, aber man lernt meist mehr von Menschen, die anders denken.

… was bedeutet es für dich ein kreatives Leben zu führen?

Ein kreatives Leben braucht eine gewisse Offenheit. Man muss sich dem Leben öffnen. Sich bewusst sein und sich gleichzeitig fallen lassen.
Wenn ich zum Beispiel einen Song schreiben möchte, dann muss ich einen gewissen virtuellen Schalter umlegen. Und wenn ich in dieser Phase bin, dann öffne ich mich dem, und dann fühle ich mich sehr verbunden. Dann wache ich nachts auf, weil ich gar nicht richtig abschalten kann. Das ist eine Art aktives Aufmachen.

Auch gehört für mich dazu, immer sensibler zu werden für Impulse – auch weltliche Impulse. Wenn du zum Beispiel das Gefühl hast, da ist jemand, zu dem möchtest du hingehen und ihm etwas mitteilen, dann tu es. Einfach so. Ohne Grund. Das verändert euch beide.

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