die kunst ein bewusstes & kreatives leben zu führen

Marjan Shaki

Ich bin überzeugt davon, dass uns Vorbilder helfen können, unsere eigenen Wünsche und Ziele zu erreichen. Deswegen habe ich die Serie “conscious creatives auf den Zahn gefühlt” ins Leben gerufen. Hier möchte ich dir immer wieder Menschen vorstellen, die ihr Leben sehr bewusst und kreativ gestalten.


Mein heutiger Interview-Gast ist die Sängerin Marjan Shaki aus Wien. Marjan hat sich in der Musical-Szene in Wien in den letzten 13 Jahren einen Namen gemacht und verkörpert nun mit ihrem Mann, Lukas Perman, das Musical-Traumpaar aus Österreich. Sie engagiert sich schon seit einigen Jahren für soziale Organisationen und setzt ihren Bekanntheitsgrad u.a. dafür ein, im grossen Stil zu helfen.

Liebe Marjan …
…gab es irgendwann einen Moment in deinem Leben, als dir bewusst geworden ist, dass du beruflich singen möchtest oder hat sich dein Leben einfach von alleine in diese Richtung entwickelt?

Ich war noch ein kleines Mädchen, als ich Freude daran fand, mich zu verkleiden, zu tanzen und zu singen. Aufgefallen ist es wohl zuerst meiner Familie. Kinder tun ja einfach, worauf sie Lust haben. Instinktiv und frei ohne den Gedanken daran, etwas daraus zu machen. Erst als ich mit ca. 6 Jahren das Musical Cats sah, erfuhr ich, dass es da irgendwie auch etwas wie Bühne in Kombination mit Beruf gibt. Im Alter von ca 10 Jahren nahm mein älterer, sehr musikalischer Bruder mich mit ins Ton-Studio, weil er eine hohe, zarte Stimme für einen Background Chor suchte, und vermutlich auch etwas Geld sparen wollte 😉 so kam ich dann zum ersten Mal mit Studiogesang in Berührung. So entwickelte sich nach und nach ein Interesse dafür.

Mit 16 Jahren brach ich das Gymnasium mit mittlerer Reife ab und begann die Musical-Ausbildung in Hamburg. Meine Eltern haben mich unterstützt, wenngleich mein Vater zunächst skeptisch war. Der Deal war, dass ich wieder die Schulbank drücken würde, sollte ich die Ausbildung und die damit verbundenen Prüfungen nicht schaffen oder hinterher keine Arbeit finden. Das war ein guter Ansporn, da ich nicht sonderlich gern in die Schule ging, wo es Fächer zu lernen gab, die mich absolut nicht interessierten.

… bist du in einem Elternhaus aufgewachsen, was sehr offen und bewusst mit dem Leben umgegangen ist?

Meine Mutter kam vor bald 60 Jahren aus dem Iran allein nach Hamburg. Mein Vater wurde während des 2. Weltkriegs im damaligen Schlesien geboren und wuchs in Berlin auf. Er war als junger Mann politisch engagiert, sie zunächst Lehrerin im Iran und später Journalistin und Malerin. Beide waren kulturell sehr aufgeschlossen und interessiert an den verschiedenen Geschichten von Menschen und in unserem Haus ging es stets gesellig zu, mit vielen Festen und Diskussions-Runden. Ich bin mit einer Vielfalt und Farbenfrohheit aufgewachsen und habe vor allem gelernt, nicht in Schubladen zu denken. Für mich war es völlig selbstverständlich, dass wir alle verschieden sind und dennoch zusammenpassen können.

Zudem lernte ich auch sehr früh, dass man Menschen hilft, ihnen beisteht und sie mit miteinbezieht, wenn sie allein, einsam sind, weniger haben oder Anschluss suchen. Ich erinnere mich an viele Weihnachtsfeste in großer Runde, aber nicht unbedingt familiärer, sondern freundschaftlicher Natur. Da war immer was los. Und es wurde sich kulinarisch und musikalisch auch immer sehr inspirierend ausgetobt. Das ist mir alles sehr positiv in Erinnerung geblieben und das versuche ich auch weiterzugeben.

Nicht umsonst bin ich wohl auch in einem multikulturellen Berufsumfeld gelandet, wo ich – zumindest auf der Bühne – verschiedene Leben mit Darbietungen füllen darf. Wobei mir das sehr schnell auch zu eindimensional und eitel wurde. Vielmehr haben mein Mann und ich früh die Liebe zum Reisen entwickelt und sind mit dem Rucksack um die Welt, um das „echte“ Leben und die verschiedenen Kulturen zu erleben und sie nicht nur per Textbuch aufzusaugen. Auch hat sich ein großes psychologisches Interesse bei mir entwickelt, was ich allerdings nur privat betreibe. Fachliteratur über die Psyche und Dynamiken des Menschen, die Hintergründe, das sind die Dinge, die mich sehr geprägt haben und nach wie vor interessieren. Wie werden wir zu denen, die wir sind – auch als Gesellschaft, im Kollektiv. Das hilft, um besser zu verstehen.

… wer und was inspiriert dich?

Mich inspirieren Querdenker. Als Kind sind wir das fast ausnahmslos alle. Doch verlieren wir es mit der Zeit, durch die Konformität, in die wir recht bald gezwungen werden. Jene, die es schaffen, sich dies zu bewahren und dennoch optimistisch bleiben oder sich dieses Querdenken wiedererlangen, inspirieren mich sehr. Ich bin auch nicht gefeit davor hin und wieder in ein enges Gedanken-Konstrukt zu rutschen. Aber Kinder und weitblickende Erwachsene erinnern mich an die Vielseitig- und schichtigkeit. Es ist immer eine Frage der Perspektive und die kann man ständig ändern.

… hast du dir schon mal die Frage gestellt, was du der Welt mit deinem Tun Gutes tun kannst oder bereits tust? Oder gibt es noch Veränderungsbedarf, sodass du damit zufrieden sein kannst?

Diese Frage stelle ich mir fast täglich. Es ist auch unumgänglich, wenn man sich die Lage der Welt ansieht oder auch nur mit offenen Augen durch seinen Alltag spaziert. Die Dimension schüchtert mich jedoch manchmal ein.

Mein Mann und ich haben uns viele Jahre versucht sozial zu engagieren – zunächst ein paar Jahre für Haiti, später auch im viel näheren Umkreis – indem wir das, was wir am „besten“ können – nämlich Singen, Spielen, Menschen für eine Performance zusammenbringen – mit dem zu kombinieren, Geld zu lukrieren, um es jenen, die es benötigen, zur Verfügung zu stellen. In Form von Konzerten und künstlerischen Aktionen, die in Versteigerungen o.ä. Anklang fanden. Wir haben viele Benefiz-Galas mit großem Orchester und tollen Künstlern veranstaltet und etliche kleinere Aktionen gestartet, und insgesamt mehrere Hunderttausend Euro durch die Einnahmen spenden können.

Die Organisationen auszuwählen ist dabei die größte Herausforderung. Es gibt unzähliges Leid auf der Welt und damit wird sehr gutes Geschäft betrieben. Viele äußerst ideelle Hilfswerke scheitern dennoch an den Reglementen, denen sie ausgesetzt sind, weil es nicht immer im Interesse der Reichen und Mächtigen des Landes ist, wirklich zu helfen. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist vielerorts gravierend, manchmal haben die Länder selbst genügend Kapazitäten, ihre Armut in der Gesellschaft zu beseitigen, aber wie oft ist diese auch nur ein Produkt der Politik, auch der Weltpolitik. Auch sind wir sehr idealistisch und visionär an viele Aktionen herangetreten und mussten feststellen, dass Korruption in so manchem Land vorherrscht und auch die westliche Welt gar nicht immer daran interessiert ist, wirklich zu helfen. Das ist sehr ernüchternd und lähmend.

Nach wie vor unterstützen wir, wo wir können und wo wir einen einigermaßen klaren Einblick in die Arbeit der jeweiligen NGO‘s bekommen. Hundert Prozent Klarheit gibt es vermutlich nicht. Doch vor allem kann man von Mensch zu Mensch immer etwas Gutes tun. Im kleinen Rahmen, ganz direkt. Da zumindest weiß man wirklich, wo es hinkommt oder dass es umgesetzt wird. Das ist nicht weniger wert als in großer Manier zu spenden. Es geht hierbei auch um Resonanz, im Sinne von Gutes ergibt Gutes. Und einen Schneeball-Effekt. Wenn jeder nur ganz klein beginnt, kann daraus am Ende Großes werden.

… in welcher Form ist es für dich wichtig, Gleichgesinnte um dich zu haben? Tauschst du dich gerne aus über die Themen, die dich bewegen oder machst du vieles mit dir selber klar?

Früher habe ich nur nach Gleichgesinnten gesucht. Möglicherweise, weil ich selbst noch auf der Suche nach der eigenen Wahrheit war und mich durch viele ähnlich Denkende bestätigter fühlte. Zwischendrin habe ich dann den Diskurs mit Menschen gesucht, die ganz anders denken, um mich und sie herauszufordern. Inzwischen ist es sehr stimmungsabhängig. Und kommt auf den einzelnen Menschen an, ob dieser mich in irgendeiner Form interessiert.

Ich mag verschiedene Denkweisen, ich suche nach unterschiedlichen Perspektiven, um meine eigene Sicht ebenfalls zu hinterfragen oder auszuweiten. Wenn ich den Eindruck habe, jemand besteht nur auf seinem Recht und will mit Pauken und Trompeten seine Ansicht durchbringen, verliere ich schnell das Interesse. Das Gespräch ist es, was mich interessiert. Der Gedankenaustausch, nicht das Plädoyer oder der Monolog. Nichts desto trotz ist es manchmal auch erfrischend einfach nur spaßiges Zeug und Oberflächlichkeiten auszutauschen, um dem Hirn mal Ruhe zu gönnen. Das geht natürlich auch mit Gleichgesinnten! Es muss nicht immer tiefgründig sein, sonst verliert man auch die Leichtigkeit des Seins. Und miteinander zu schweigen, z.B. in der Natur, hat ebenfalls Qualität.

… was bedeutet es für dich ein kreatives Leben zu führen?

Kreativität bedeutet für mich Offenheit und Flexibilität. Manchmal resultierend aus einer mir selbst auferlegten Langeweile. Wir sind alle so beschäftigt und abgelenkt. Ich bin da immer wieder kurzatmig und versuche alles unter einen Hut zu bringen, merke manchmal gar nicht, wie schnell mein Alltag verläuft. Dann leg ich das Handy zur Seite, nehme mir nichts vor, lasse mal alles liegen und schaue, was passiert. Allein meine Tochter ist eine große Inspiration, wenn es um Kreativität geht. Sie entsteht im Stillen, manchmal auch im bunten Treiben. Ich ziehe ersteres vor, weil es ohnehin schon sehr lebhaft zugeht. Kreativität ist in Bewegung, verharrt nicht. Wächst und entsteht durch Synergien einzelner Dinge.

So jedenfalls sehe ich Kreativität.

Foto Marjan Shaki: @Herwig Prammer

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